Sonntag, 26. Januar 2014

Das Heinz-Dilemma

Möchtet ihr mal testen, wie es um euer moralisches Urteilsvermögen bestellt ist? Dann könnt ihr mal das sog. Heinz-Dilemma von L. Kohlberg durchspielen:


Da das Video die Ebenen, bzw. die ihnen untergeordneten Stufen nicht erläutert, werde ich das schnell mal zusammenfassen:
  • präkonventionelle Ebene: In Stufe 1 wird die moralische Wertung an Strafe und Gehorsam ausgerichtet. Man fügt sich der übergeordneten Autorität und hinterfragt deren Regelungen nicht. In Stufe 2 ist der Gerechtigkeitssinn stark ausgeprägt, aber pragmatisch, man handelt nach dem Motto "Wie du mir, so ich dir"
  • konventionelle Ebene: In Stufe 3 ist moralische Wertung der Konformität unterlegen. "Gut" ist, was anderen gefällt und ihnen hilft. In Stufe 4 wird richtiges Verhalten gleichgsetzt mit (gesellschaftlicher) Pflichterfüllung. Die soziale Ordnung/das Gesetz ist einzuhalten.
  • postkonventionelle Ebene: In Stufe 5 gibt es ebenfalls ein Pflichtgefühl gegenüber dem demokratischen Gesetz, es dient dem Wohle aller und schützt die Rechte des Einzelnen. Abgesehen hiervon wird Recht aber vor allem als eine Frage persönlicher Wertsetzungen und Meinungen gesehen.  In Stufe 6 richtet sich das moralische Urteil nach allgemeinen, ethischen, abstrakten Prinzipien, wie z.B. dem kategorischen Imperativ. 
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Selbstverständlich ist hiermit ein so umfassandes und vor allem nicht ausschließlich objektiv zu betrachtendes Thema wie Moral nicht abgehnadelt. Kohlbergs Stufentheorie ist nur eine von vielen und nimmt auch vorrangig die kognitive Perspektive in den Blick, indem er fragt, wie jemand über ein moralisches Problem denkt, bzw. wie sich die Moral rein kognitiv entwickelt und welche Fähigkeiten dazu notwendig sind.
Dass aber moralisches Denken und Handeln nicht das Gleiche, im Gegenteil sogar oftmals eher konträr sind, wird deutlich wenn man z.B. den situativen Aspekt betrachtet, also wieviel Einfluss die Situation selbst, in der ein moralisches Urteil nötig wird, auf das Handeln hat. So als Außenstehender ist es ja relativ leicht zu sagen, was Heinz wohl tun sollte, bzw. was man - rein gedanklich - selbst tun würde an seiner Stelle. Wie aber sieht es aus, wenn man die drohenden Konsequenzen tatsächlich real erlebt?
Man kann desweiteren auch fragen, inwiefern einem ein moralischer Sinn angeboren ist, inwieweit die Evolution und die rein biologische Hirnetwicklung ihren Teil dazu beitragen.
Wem das dann doch zu pragmatisch ist, der kann sich der emotionalen Perspektive widmen, die im Gegensatz zur Kognitiven davon ausgeht, dass wir moralische Entscheidungen eher gefühlsmäßig fällen und erst im Nachhineien (wenn überhaut) konkret darüber nachdenken. Hier kommen dann Komponenten hinzu, wie sie durch die jeweils individuelle Sozialisation entstehen, sprich gesellschaftliche und kulturelle Wertevorstellungen, mit denen man aufwächst, die Erziehung usw. Man hat eine intuitive Präferenz für bestimmte Lösungen, abgespeicherte Schemata nach denen wir urteilen und handeln und die uns nicht unbedingt bewusst sind.

Genau deshalb schreibe ich auch diesen Post. Selbstverständlich haben wir alle ein rein intuitives Alltagsverständnis darüber, was richtig/falsch, moralisch/unmoralisch ist. Gerade Moral ist etwas sehr subjektiv Empfundenes, wie es ja z.B. auch Kohlberg in Stufe 5 (auf der sich übrigens im Durchschnitt die meisten Erwachsenen befinden) postuliert.
Aber ich finde es dennoch interessant, sich mal objektiv mit dem Thema zu beschäftigen und denke, dass man dadurch - trotz dessen dass man sich auf einer rein theoretischen und vielfach abstrakten Ebene befindet - den Blick für das eigene moralische Verhalten und das anderer ein wenig sensibilisieren kann. Selbstverständlich wird man nicht, wenn man das Heinz-Dilemma (oder Ähnliche) durchspielt, im kohlbergschen Sinne eine höhere Moralstufe erreichen.
Aber es lässt einen vielleicht mal generell darüber nachdenken, ob denn eine höhere Stufe auch bedeutet, dass man ein "besserer" Mensch ist. Und was überhaupt "gut" ist, ob es sowas wie einen moralischen Qualitätsunterschied gibt und an welchen Kriterien man das festmachen will oder überhaupt kann. Und wie sehr wir dazu tendieren, moralisches Verhalten anderer zu beurteilen, ohne oftmals deren genaue Beweggründe zu kennen, wie schnell wir verurteilen.
Lese ich dann beispielsweise einen Artikel über jugendliche Straftäter und welche Grausamkeiten sich die Häftlinge im Gefängnis gegenseitig antun, denke ich vielleicht eher über meinen ersten Impuls "Wie kann man nur?!" hinaus, und auch über den zweiten, in dem ich nach Begründungen für dieses Verhalten suche, wie "miese Kindheit gehabt", "falscher Umgang" etc. Spinne ich den Faden weiter, muss ich mich zwangsläufig fragen, was mit unserem Rechtssystem nicht stimmt. Nach dem Jugendstrafrecht geht es eher um Erziehung als um Bestrafung, aber trotzdem werden über 70 % nach der Entlassung wieder rückfällig. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn es, statt Maßnahmen wie Therapieplätzen und Beschäftigung einzurichten, stattdessen möglich ist, dass sich die Jugendlichen unbeobachtet gegenseitig foltern, quälen und gar vergewaltigen? Und der Grund warum solche Konzepte nicht funktionieren ist vor allem der, dass sie in der Öffentlichkeit nicht gut zu verkaufen sind. Weil dann die Rufe nach härteren Strafen laut werden....
Ist das "moralisch korrekt"? 







Kommentare:

  1. Hui, da hast Du Dir aber einen Brocken ausgesucht - da will ich die jugendlichen Straftäter mal außen vorlassen und mich dem reinen "Heinz-Dilemma" widmen ... welches, zumindest für mich, keines ist. Denn selbstverständlich NEHME ich mir das Recht heraus, die Pharma-Bude zu bestehlen, um dieses Leben zu retten. Jedes Leben sogar - denn Profit ist dem Recht auf Leben deutlich untergeordnet. Und wenn es um das Überleben geht, meines oder das meiner Liebsten, ist Moral minder wichtig ;)

    Selbstverständlich könnte jeder x-Prozent seines monatlichen Einkommens für das Medikament aufwenden - und somit für eine gewisse Gerechtigkeit sorgen, da auch Milliardäre krank werden und somit auch der Hersteller auf seine Kosten kommt. Aber das muss der natürlich wollen und nicht nur auf maximalen Gewinn aus sein. So verliert der Hersteller in meinen Augen jegliche Legitimität auf moralischesHandeln ihm gegenüber. Er selbst hat das Medikament ja auch nicht entwickelt, um zu helfen ...
    Und selbstverständlich kann so niemals eine höhere Moralstufe erreicht werden, was für eine abstruse Idee. Wir hätten viele kreuzunglückliche, aber sehr moralische Menschen. Was ein Blödsinn - so ist der Mensch nicht konstruiert! Die Philosophen sind (fast) alles reine Theoretiker und würden im Dschungel alle verhungern :-D Aber ein sehr schönes Thema, liebe Isi!

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  2. Ich seh das mit dem Heinz-Dilemma nicht anders als du. Der angebliche Konflikt ist für mich auch keiner (da find ich z.B. das Trolley-Dilemma schon schwieriger). Wobei mir dieses "Denken und Handeln sind oft konträr" ja schon zu denken gibt...eben gerade weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich tatsächlich dann anders handeln würde...
    Aber was heißt, Moral sei hier minder wichtig? DAS wäre ja dann die (deine) moralische Einstellung dazu, zu sagen, DAS ist das einzig Richtige, ist mir egal ob ich dazu Gesetze brechen muss. Moral heißt ja nicht nur Gesetzestreue, jedenfalls nicht bei jedem.
    Das wollen diese Stufen ja verdeutlichen, dass es beim Rechtsverständnis verschiedene Einstellungen gibt (hier eben an der kognitiven Entwicklung gemessen und somit auch ausschließlich in diesem Rahmen als sinnvoll zu erachten, zu rein forschungstheoretischen Zwecken).
    Moralisches Verständnis ist in dem Sinne nicht lehrbar, höchstens insofern, dass man Verhalten durch Erziehung konditionieren/prägen kann. Wobei man hier wohl eher von sozialem Verhalten spricht denn von moralischem. Letzteres bleibt einfach viel zu abstrakt, vielschichtig und subjektiv, als dass man mit irgendwelchen tollen Theorien und Methoden "bessere Menschen" hervorbringen könnte. Wie du sagstest, absoluter Quatsch. Aber darum gehts ja auch nicht.

    Man kann sich hier echt totdiskutieren. Aber das erfüllt eben nur den Zweck, dass der Meinungsaustausch halt mal ganz spannend ist, vielelicht sogar ne neue Sichtweise eröffnet. Aber wir werden weiterhin in einer moralisch fragwürdigen Welt leben... und DAS ist jetzt glaub ich nicht nur mein subjektives Empfinden...oder?

    Danke für deinen Comment :)

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  3. Um so etwas auch nur im Ansatz erörtern zu können, müssten zunächst die verwendeten Begriffe, z. B. "Moral", definiert werden. Einheitlich natürlich ;) Erst dann könnte sich erschließen, was man eigentlich meint ... Aber nehmen wir ein Beispiel für "Gerechtigkeitsmoral:" Ich finde auf der Straße ein Geldbündel im Wert von 10.000 Euro und sehe, wie vor mir zwei mir bekannte Personen um die Ecke gehen: eine alte Dame, die nicht besonders reich ist, aber ganz gut zurecht kommt und wenn das Geld von ihr stammte, träfe sie dieser Verlust schon hart. Denn 10.000 Euro wären schon ein signifikanter Teil ihres Vermögens.
    Der andere ist ein stadtbekannter Dealer ... wie viel für den 10.000 Euro sind, spielte vermutlich in den Überlegungen, das Geld zurückzugeben oder zu behalten, keine Rolle mehr. Meine Konditionierung würde mir klar sagen: finde heraus, ob das Geld von der alten Dame stammt und gib es zurück. Behalte es ansonsten. Aber könnte mein kleines Teufelchen mir nicht einreden, das Geld stammt ganz klar von dem Dealer, weil wofür sollte die alte Dame soviel Geld abheben. Also behalte ich es einfach, ohne weiter zu überlegen ...
    Spielt die Idee, das Geld könnte keinem der Beiden gehören und muss im Fundbüro abgegeben werden, überhaupt eine Rolle?
    Wie ist es überhaupt um die "Moral" bestellt, wenn derartige Überlegungen angestellt werden? Sollte die Abgabe des Geldes nicht eine Selbstverständlichkeit sein? Oder rechtfertigt nicht allein die Annahme, es gehöre dem Dealer, das Einbehalten der Summe ohne weitere Fragen?

    Und dann wäre da noch der Aspekt der persönlichen Situation des Finders! Hat der Geldsorgen, dürften seine Überlegungen erheblich komplizierter sein, als wenn er Millionär wäre ...

    Hui, was ein Thema :-D

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  4. Ja gell, spannendes Thema ;)

    Dein Beispiel ist klassisch in Bezug auf "Selbstjustiz", bzw. objektive Moral gegen Subjektive. Denn objektiv haben wir nur folgende Fakten: Geld. Nicht meines. Irgendjemand vermisst es. --> ich gebe es im Fundbüro ab so dass derjenige sein Eigentum wiedrbekommt.
    Unsere subjektive Moral aber will immer der Situation entsprechend handeln, sie will vor allem - nach ihrem je eigenen Maßstab - bewerten und somit auch urteilen. Den Dealer verurteile ich seiner Tätigkeit wegen und empfinde es daher nur als gerecht, wenn er seinen solchen Verlust erleiden muss. Die alte Dame ist in meinen Augen jemand, der dies nicht verdient häte und weswegen ich ein schlechtes Gewissen hätte, würde ich das Geld behalten...
    Ähnlich wäre es doch mit dem Trolly-Dilemma, ein Leben gegen fünf. Wüsste ich, dass es sich bei den 5 Menschen auf dem einen Gleis um schlechte Menschen handelt und bei dem einen auf dem anderen Gleis um einen Herzensguten, hätte ich weniger Skrupel, 5 Leben zu opfern... Und hier reden wir von Menschenleben! Nicht von Geld....

    Oh weites weites Feld... und eine einheitlich Definition werden wir niemals hinbekommen.

    Nochmal, danke für deinen Comment, das macht richtig Spaß :)

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